Norther Territory
Liebe/r
Nach einer Woche in offenem Weideland führte mich mein Weg nun tiefer und tiefer ins Northern Territory.
Tatsächlich hatte ich keine Idee von den Eindrücken, die mich kurz nach dem Passieren der unsichtbaren Grenze ereilten.
Weideland, Savannenland, so offen und endlos zu beiden Seiten der Straße, dass die Erdkrümmung am Horizont sichtbar wird.
Wie auf dem Ozean, auf dem der Wind die Oberfläche hin und her schiebt und damit Wellen verursacht, wogte hier der Wind, im sich, hin und her beugenden Grass.
Ähnlich der Stille, wie ich sie in mir selbst zu erfahren liebe, weideten sich hier meine Auge an einer Weite, die ich bisher ansatzweise nur in den Getreidefeldern des Südens fand. Hier aber handelt es sich um eine Natur geprägte Landschaft. Das Wogen des samtfeinen Grases ergibt sich aus einer zeitlichen Entwicklung, deren Ursprung ich nur erahnen kann.
Entschuldige meine Emotionalität, aber der Anblick ist wahrlich heilend.
Dann bog ich auf eine kleine Seitenstraße und wurde gleich von einem Schild begrüßt was sagte: 460 Km bis zur nächsten Tankstelle.
Für 420 war ich sicher ausgestattet und vielleicht sogar für mehr, also fuhr ich weiter. Ich wusste das die Straße von der Breite eines Wirtschaftswegs in etwa 10 Km, in Schotter münden würde und dachte dabei mehr an die vielleicht von Krokodilen bewohnten Wasserläufe durch die ich fahren müsste, als an die Unebenheit der
Straße.
Dann sah ich ein Fahrzeug am Straßenrand stehen und einen Mann, der soeben den Wagen verließ.
Ich hielt an, ließ das Fenster runter und erkundigte mich, ob er vielleicht Hilfe brauche. Nachdem er mir erklärt hatte, dass seine Frau ihn wegen eines kaputten Radlagers bald abholen würde, kamen wir auf mein Ziel zu sprechen. Er war polnischer, oder vielleicht auch tschechischer Abstammung und arbeitet hier
auf einer Station seiner Rente entgegen.
Mit strahlenden Augen, gerahmt von Lachfalten und Lebenserfahrung schaute er mich an.
Eine Begegnung mit „Fremden“ hier draußen kommt mir wie ein Schicksals geführtes Ereignis vor. Und das ist es auch! Denn es gibt tatsächlich in unserem Leben nichts, was nicht von göttlicher Hand geprägt wäre.
Nun gut, für manche von uns mag die Bezeichnung „Göttlich“ von Religion und
damit von geschichtlichem Verständnis geprägt sein. Alles ist jedoch von intelligentem Ursprung, und dieser fand keinesfalls irgendwo in geraumer Vorzeit statt, sondern ist immer hier und jetzt!
Ich bekannte ihm also meine Liebe und Hingabe für dieses weitläufige Land, und er bestätigte meine Empfindung mit der Begründung, dass auch er deswegen hier sei.
Du musst Dir vorstellen, hier ist keiner!
Ich weiß, dass ist nur sehr schwer vorstellbar, und natürlich gibt es auch hier Menschen. Sie treten nur so verhältnismäßig selten auf, dass eine jede Begegnung bleibende Spuren in der Erinnerung hinterlässt.
Auf die Frage, ob die „Dirt Road“ über 400 Km akzeptabel sei, verneinte er mit
Vehemenz. Schon nach 25 Km münde sie in einen Pfad, der mit Wohnwagen nur schwer zu befahren sei. Aber er wies mich auf einen Stellplatz in einem alten Steinbruch hin und beschrieb mir den genauen Weg dorthin.
Ich erreichte ihn am späten Nachmittag und ließ den Platz ausgiebig auf mich wirken.
Von strauchartigen Wattel (gelb-blühend) umgeben hatten Straßenbauer hier die Metallschlacke eines Vulkans abgebaut und für die Befestigung der Schotterstraße
eingesetzt.
Zwischen der eisenfarbigen vielfach geschmolzenen Schlacke zeigt sich muschelartiger Kalkstein, der in seiner Verbindung zur Schlacke oft interessante Muster und Farben zeigt.
Für mich als Keramiker, der also ein Leben mit Mineralien verbracht hat, ist das eine Fundstelle. Mit fasziniert aufgerissenen Augen laufe ich hier durch die „Quarrie“ und möchte am liebsten alle mitnehmen, besitzen und
festhalten. Dieses drängende Gefühl muss ich natürlich überwinden, denn ich schleppe schon von anderen Stellen ausgiebig Steine mit mir rum und jedes zusätzliche Gewicht macht das Unternehmen nur teurer.
Und damit bin ich auch schon zurück bei dem, was uns alle betrifft. Das Leben, so wie ich es erlebe, ist nicht irgendwann vor Urzeiten einmal
entstanden, sondern wird von besagter Quelle gegenwärtig in den erfahrbaren Augenblick erschaffen. Wir gehören nicht nur dazu, sondern haben das Privileg diese kontinuierliche Entstehung – und damit die kontinuierliche Manifestation – des Göttlichen mitzuerleben.
Nachdem wir uns eine Weile mit diesem Gedanken getragen haben, folgt eine Umsetzung der Wahrnehmung.
Ich kann Dir versprechen, dass sie so intensive
wird, dass die Dankbarkeit – welche von nun an eine Art Grundeinstellung ausmacht – wie eine natürliche Folge beginnt zu wirken. In Gedanken und Gefühlen gehegte Wünsche vibrieren ihre Präsenz in die Gegenwart und erfüllen unser Leben.
Auf zukünftige Briefe an Dich freue ich mich sehr!