Nur die langen Schatten, von der untergehenden Sonne verursacht, und die Wolken am Himmel lassen auf eine begehbare Landschaft schließen. Die Wüste war ein Meeresboden.
Ein erbarmungsloses Land…. Liebe/r Während die Außenwelt meine Augen wie mit magnetischer Kraft gefangen hielt, lief ich im Wohnwagen auf und ab, damit der dadurch erzeugte Luftstrom meiner durstigen Haut schmeichelte. Draußen stiegen die Temperaturen stetig und die Schar der Waldfliegen summte mir nachhaltig in
den Ohren. Kein Zuckerschlecken, auch nach all der genossenen Schönheit, erfordert die erträgliche Abhärtung einen Willen, der das allgemeine Maß leicht überschreitet. Ich erinnere mich an Zeiten, in denen ich, mit von Fliegen übersätem Rücken, das Gesicht aus der Sonne drehte, mir mit einer betuchten Hand den Schweiß von der Stirne wischte und in der anderen eine Zange hielt mit der ich soeben im Begriff war eine Lücke im Zaun zu schließen. Das waren Zeiten! Heute
fühlt sich das ein wenig anders an. Hier in der Wüste setzen die Fliegen sich nicht auf den Rücken, sondern umkreisen aggressiv Gesicht und Hände, um auch nur den geringsten Ausstoß von Wasser meiner Haut aufzusaugen. Und das bei 40 Grad! Und trotzdem gibt mir die Wüste etwas. Irgendwie fällt es nicht leicht die richtigen Worte dafür zu finden, aber so wie ich es empfinde, muss es ja schließlich auch einen Grund geben, warum die Beduinen in ihrer kargen Wüstenlandschaft ein Zuhause
gefunden haben.
Die gut erkennbare Salzkruste liefert unnötigen Beweis für das Urmeer was hier einmal die Landschaft bestimmte. Das Zentrum Australiens liegt unter dem Meeresspiegel. Das Innland trocknete also aus. Zeuge dieses weit zurückliegenden Ereignisses ist die noch immer weite Landstriche dominierende Salzkruste.
Es muss für mich, der ich im Münsterland groß geworden bin eine andere Bewandtnis haben. Und die wäre!? Nun, ich versuche einmal es einzufangen, und hoffe, dass für alle diejenigen, die ein wenig Geduld mit mir haben, ich es verständlich rüberzubringen im Stande bin. Jahrelang praktizierte Meditation hat mir gezeigt, dass es in mir, und damit wohl in jedem von Euch auch, einen Raum
gibt, den aufzusuchen eine konsequente Folge hat. Es scheint mir, dass dieser Raum die Grundlage für jegliche Existenz bildet. Das Wort Existenz von dem lateinischen Ausdruck existere, was so viel bedeutet wie herausstehen, ex = heraus und sistere = stehen. Dieser formlose, unendlich erscheinende Raum, den wir, zunächst als Stille in uns finden, scheint die Gegenwart des Bewusstseins hervorzubringen und bildet somit die Gegenwart aller Erscheinungen. Wir, als Mensch, sind
eine bewusste Form dieser Gegenwart und über dieselbe mit allem und jedem Verbunden.
Diese geologische Mischung aus tragendem Silikat mit Kristallbildungen aus Aluminium und Sodium zeigt den großen Reichtum unserer Erde. Nur weil die Mineralien so reichhaltig vorhanden sind, sollten wir ihnen den Wert der Schönheit nicht absprechen.
Fällt mein Blick, momentan durchs Wohnwagenfenster, in die Wüste, scheint mein Geist sich spontan auszubreiten, um der inneren Gegenwart dieses unermesslichen Zeitraums Platz zu machen. Ich weiß, was können Worte schon sagen!? Und doch sind sie mit einem Übermaß an Verständigung ausgestattet, die uns, selbst als leicht irritierte Hörer, einen Zugang zu unserer Seele geben können. Ich
denke da speziell an die vertonten Gedichte von Rainer Maria Rilke. Die Komponisten Schönherz und Fleer haben für diese Aufnahmen Tonkünstler aus der gesamten Republik zusammengeholt, um uns etwas zu bringen, was genau diesem Zwecke dient, dem Zugang zur eigenen Seele. Mein ältester Bruder sprach Rilke die Fähigkeit zu Dichten ab und machte mich schuldig an seinem frühzeitigen Krebstod. So viel zur Familiengeschichte. Erst viele Jahre später lernte ich, dass der Grund für die
familiäre Ablehnung meiner Person nicht in meinem allgemeinen Verhalten zu finden war, sondern in meiner Tendenz meinen Geschwistern beibringen zu wollen, was ich als sichere Erkenntnis beurteilte. Ein grundsätzlicher Fehler, denn wir alle sind, nicht entfernt, sondern unmittelbar, Gottes Geschöpfe, und bringen mit uns das Recht unser Leben so zu leben, wie wir es eben für richtig halten. Das ich darüber siebzig werden musste, spricht Bände! Aber gut, auch ich genieße den Funken
des Lebens und bringe damit das in die Welt, was mir nahe ist. Zurück zur Wüste!
Pioniere, die ihrer Isolierung einen bleibenden Wert abgewinnen konnten bevölkerten dieses Land, lange bevor das Zurücklegen von 100 km in einer Stunde möglich war. Am Horizont sieht man den Friedhof mit namenlosen Gräbern.
Mit jedem Schritt den ich hier auf dem, mit braunen Kieseln übersäten Boden tue, ein- und ausatme, als wenn es nichts anderes gäbe, und dann meinen Blick über die, von Wasser und Wind geformten Anhöhen schwenke, fühle ich den Meeresboden, der diese Landschaft für undenkliche Zeiträume war. Ein Urmeer war hier zuhause, ganz ähnlich wie es das auch im Raum Lippe-Detmold war. Dort fand man beim Ausbau einer Autobahn
Haifischzähne im Abraum. Ja, wie krass ist das denn!?
Die am Hozizont sichbaren Anhöhen mögen 50km und mehr in der Ferne liegen.
Nun haben nicht alle von uns Paläontologisches Interesse, sicher aber darf man sagen, dass jeder von uns sowohl glücklich sein möchte als auch den Frieden zu erfahren, dessen es bedarf, endlich Ruhe in unser Leben zu bringen. Darum, und um nichts anderes, geht es mir! Unser Grundzustand wäre somit Stille. Jeder Ton, einschließlich solcher, die der Sprache entspringen, aber eben sogar auch unsere Gedanken, denn auch
diese hören wir innerlich, hat seine Wurzeln in der Stille. Wir kommen aus ihr, wenn wir als Neugeborenes die Welt erblicken, und in sie gehen wir, wenn das Alter unseren Körper unfähig macht weiter zu existieren. Und hier eine Frage, die ich jeden von Euch bitte für sich selbst zu beantworten. Könnt ihr Euch an einen Augenblick erinnern, an dem ihr nicht wart, bevor ihr in dieses Leben gekommen seid? Ich gehe davon aus, dass es einen Solchen für keinen von uns gab. Das
Bewusstsein – welches wir sind, und ohne welches wir nichts sind, auch wenn wir körperlich sind – ist form- und zeitlos und so allumfassend, dass es einerseits alles hervorbringt, andererseits aber selbst nichts wirklich wahrnimmt, weil es alle Perspektiven der Betrachtung auf einmal innehat. Betrachten wir ein Objekt aus allen möglichen Perspektiven gleichzeitig, ergibt sich ein schwarzes Bild. Der besagte Raum, die Stille! Für eine ein-deutige Perspektive ist also die
„materielle“ Erscheinung notwendig. Wir, der Mensch, das Tier, und gewissermaßen auch Pflanzen und Steine bringen Perspektive in die Welt, über die das Bewusstsein sich erkennt. Also, weder wir als Mensch noch Tiere oder Pflanzen haben Bewusstsein! Das Bewusstsein hat uns!
Der hier bezeichnete "Oodnadatta Track" zieht sich unbefestigt und teilweise mit nicht mehr als 20 km/h befahrbar für über 500 km durchs Land.
Wenn das einmal geklickt hat, wird uns klar, dass es sowas wie Erleuchtung, als grundlegende Erfahrung für eine neue Sichtweise, nicht gibt. Es gibt nur den erwachten Zustand und den schlafenden. Wobei der eine vom anderen ausgetauscht wird, sobald der Mensch die Voraussetzungen dafür annimmt. Erwachen wir also genau jetzt! Die beiden Zustände unterscheiden sich grundlegend durch das gegenwärtige Erkennen der
Verbundenheit mit Allen und Allem und dem daraus erwachsenden Frieden und der Freude, die mit einem solchen einhergeht. Wenn wir uns also bekriegen, führen wir einen Kampf gegen uns selbst! Sind wir tatsächlich bereit den Anspruch auf Besitz mit dem Leben junger Leute zu bezahlen? Das ist, was ich am Kosovo-Krieg nicht verstanden habe. Die Gefallenen dieses Krieges trugen Jeans. Nein, dass fällt mir sehr schwer zu glauben. Darum ist ein Erwachen auf
persönlicher Ebene, eine grundlegende Veränderung des gesamten Systems. Der liebevollen Anteilnahme konnte sich noch nie jemand widersetzen. Und sollten wir dafür unser körperliches Leben geben müssen, so bin ich sicher, wachen wir in einer Welt auf, die nicht weniger real ist als diese, die wir kennen.
Sonnenuntergänge in der Wüste, sind natürlich ein immer wieder gern gesehenes Phänomen. Tatsächlich hat es ja wohl mehr als einen Grund, warum Mensch, die die Einsamkeit mögen, sich hier niederlassen.
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Mit herzlichen Grüßen aus der Wüste,
Euer Richard C Rickert
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