Die Morgensonne bringt neues Licht in den bei Nacht bedrohlichen Gebirgszug. 648 Millionen Jahre ist es her, dass er sich über die Ebene erhob. Die Zeit hat seine Höhen übersichtlich gemacht, der Bedrohlichkeit seines Gesteins jedoch nichts anhaben können.
Die älteste Gebirgskette der Welt…. Und was sie uns zu sagen hat!Liebe/r Ihr Name hallte aus Erzählungen und gesehener Werbung schon lange in meinem Gedächtnis nach: FLINDERS RANGES, klang für mich wie Eindruck, wie Entdeckergeschichte und lang bewohnte Heimat der Einheimischen. Der Weg dahin allein war mehr als abenteuerlich und
öffnete mir so manches geistige Fenster zu einem besseren Verständnis der Größe der Welt. Ja, mit Sicherheit ist das eine meiner bewegendsten Erkenntnisse: Das Verlassen der gewohnten Umgebung öffnet nicht nur das äußere, sondern auch das innere Auge! Wissend, dass ich ein einsames Land bereise, setzte ich mich über so manche Gesetze hinweg. Schilder wie: Zutritt verboten!, oder „Geschütztes Gebiet!“ hielten mich nicht ab, meine Zelte aufzuschlagen. Doch, ich musste mir schon in Erinnerung
rufen, dass viele dieser Gesetze von Menschen gemacht werden, die an Schreibtischen leben, mehr als gut bezahlt werden, und am Ende des Tages in ein komfortables Zuhause heimkehren. Nein, nicht das ich ihnen das nicht gönne, die beste Bezahlung könnte meine gegenwärtige Lebenserfahrung nicht ausgleichen. Sie leben halt in einer isolierten Welt, wollen das bisschen Umwelt was wir noch zu schützen haben, von sicheren Gesetzen geschützt wissen und drohen somit mit hohen Strafen,
wenn diese missachtet werden.
Immer also, wenn ich bewusst in die Einsamkeit steuerte, ging ich davon aus, dass ich mein heimisches Gespann mitten in der Wildnis parken könnte, vielleicht sogar, ohne überhaupt bemerkt zu werden. Diese Erwartung erfüllt sich tatsächlich meistens. Der durchschnittliche Wohnwagenreisende – von denen es in Australien viele gibt – fährt mit seiner Behausung am frühen oder späten Nachmittag einen Caravan-Park an.
Diese sind häufig unmittelbar am Highway zu finden und somit tagsüber gut beschallt, während sie des Nachts auch dort Ruhe finden. Nichtsdestotrotz verabscheue ich diese Ansammlungen von vormaligen Stadtbewohnern, denen jedes Gespräch, was tiefer geht als die technischen Details der Ausrüstung, eine Anstrengung abringt. Als Mensch lieben und schätzen tue ich sie trotzdem, nur als Teilnehmer am aktiven Wandel, sind sie nur wenig von Nutzen. So sollten wir diesen Maßstab
auch an uns selbst ansetzen. Sind wir gegenwärtig? Und damit, in einer Veränderung begriffen? Oder ist das Bett der Gewohnheit so komfortabel, dass wir es scheuen den Fuß ins Kalte zu setzen? Eines kann ich Euch versprechen, das, was ich hier als das „Kalte“ bezeichnete, ist in den meisten Fällen der Auslöser für ein begeistertes Ausrufen der Seele, nachdem sie eine Bereicherung erfahren hat. So ging es mir in den allermeisten Fällen mit mehrtägigen Aufenthalten
in Gegenden, die wir zunächst als lebensfeindlich bezeichnen würden. Als wenn ein Buch für mich aufgeschlagen wurde, durfte ich über die Koordinaten der sich ergänzenden Lebensformen in der Landschaft lesen. Fast immer wurden so meine Augen auf eine Weise geöffnet, dass die Folge ein Anheben der Gesamterfahrung war. Wie hätte ich ahnen können, dass mir ein Detail eröffnet wird, was in seiner Komplexität so unerwartet in mein Leben tritt!?
Das Bett eines ausgetrockneten Flusses versorgt das Leben zwar nur mit unterirdisch geführter Feuchtigkeit, wenn es aber fließt, machen sich mächtige Ströme bemerkbar!
Hervorzuheben sind, der Leichtigkeit wegen, natürlich die hüpfenden Säuger, die mir als Brush-Tailed Rock Wallebies so zutraulich begegneten, dass es mir eine Art Ehre war sie dort zu treffen, wo sie zuhause sind. Doch natürlich beherbergt das weniger offensichtliche Detail der Geologie ein genauso beeindruckendes Erlebnis. Als Erstes machte ich in eine Kurve der unbefestigten Straße Halt an deren linker
Seite eine kleine Felsformation in die Höhe führte. Auf dem Weg hinauf bereits bemerkte ich das unscheinbare Glitzern des mit Steinen übersäten Bodens. Mich bückend wurde mir klar, dass das Glitzern von den Steinen selbst ausging, die fast alle von Glimmer durchsetzt sind. Auf der Anhöhe angekommen zeigte sich die eine Hügelhälfte als eine Ansammlung von Raumschutt, der aus einem Loch seinen Weg nach oben gefunden hatte.
Die Öffnung einer Mine, wie es sie wohl viele ihm Outback Australiens gibt.
Mein erster Blick fiel auf seine Wandung, an der festgeklammert ein Schwarm Tauben Schatten und Kühle gefunden hatte. Bei meinem Nähertreten flogen sie auf und ließen mir den Blick in die Tiefe der Ausschachtung. Kein Boden in Sicht, musste ich unwillig akzeptieren. Hier hatte wohl jemand Reichtümer vermutet und seinen Weg in die Unterwelt gebahnt, bis ihm die Kräfte ausgingen. Oder vielleicht hatte er ja
tatsächlich das heute, noch mehr, begehrte Gold gefunden, was ihm Status und Anerkennung in der menschlichen Gesellschaft bescherte!? Nun stellt sich mir kurzfristig die Frage: „Bin ich tatsächlich in der Lage die Werte geradezurücken?“ Ich weiß es nicht, aber versuchen will ich es. Da werden wir in eine Welt geboren, deren glitzernde Schönheit mit den ersten Sonnenstrahlen erwacht. Wir aber sehen sie nicht, sondern sind so mit den Konditionen der menschlichen Gemeinschaft
beschäftigt, das ihnen gerecht zu werden, alle vorhandene Schönheit der Welt verblassen lässt.
In dreizigtausend Jahren bewohnter Geschichte, hat diese Höhle den Ureinwohnern Schutz gewährt. Und wie konnte sie ihren Standort behaupten? Alleinstehend und vom Wetter gezeichnet, liegt dieser Broken noch heute am Hang der Flinders Ranges!
Wir haben Probleme! Manchmal sind sie mit Schmerz behaftet, und manchmal fallen wir verzagt in eine alles beschattende Depression über sie. Unsere Familie, die von denen wir Verständnis und Liebe erwarten, verhält sich uns gegenüber kühl und abweisend, so unser sicheres Empfinden. Solches und vieles andere mehr suggerieren wir uns unter Einsatz der eigenen Gedanken. Und natürlich befinden wir diese für
der Wahrheit entsprechend. Immerhin sind wir es die diese Gedanken denken! Und wer sind wir? Wir sind das, was wir als „Ich“ bezeichnen. „Ich“ der/die einen Namen trägt, die, auf welche man sich verlassen kann, die alles tun würde, um den Hausfrieden auszurichten. Und dann finden wir uns in der Konfrontation. Alle Werte verflüchtigen sich. Die Fenster der freien Interpretation stehen weit offen und alles für Wahr und Sicher Befundene schwebt hinaus, als wenn es nichts mit
der Wirklichkeit zu tun hat. Es mag ja eine Überlebensstrategie sein, meistens jedoch ist es die Angst vor der eigenen Courage. Die Frage stellt sich für uns, wer oder was würde übrigbleiben, wenn wir zugeben müssten, in unserer Annahme falsch zu liegen? Wenn wir tatsächlich etwas ganz anders sind, als die gehegte Vorstellung von uns selbst? Durchaus eine nicht geringfügige Herausforderung! So gehen wir, wie ich, in die Wüste, um mehr von dem zu erkennen, was wir sind.
Nur wenige haben dieses Privileg. Diese, als besonders empfundene Aufmerksamkeit, die mir dort zufällt detaillierter zu erkennen, wer wir tatsächlich sind.
Platten aus hartem Stein glänzen im Morgenlicht und erwecken den Eindruck, als hätten sie sich weich wie Ton aus dem Erinneren geschoben.
Und damit wird der Wunsch nach dem individuellen Erwachen auch schon wieder überdeutlich. Die Aborigines in den Flinders Ranges bezeichneten die Gebirgskette als das Rückgrat der Erde. „Eine hilflose Interpretation, die in Betracht heutiger Weltsichtigkeit keinen Bestand haben kann, dachte ich“ Und dann mein Erklimmen eines mit Geröll übersäten Bergrückens, dessen markante Spitze
Gesteinsschichten zeigte, die wie gigantische Tonplatten aus dem Erdinneren geschoben zu sein schienen. Ihre Oberfläche…. „So glatt wie ein Knochen!“ Sogar die gelbliche Farbe der Oberfläche stimmt. Ich musste ein Stückchen davon mitnehmen, und stelle es Euch anhand eines Fotos zur Schau. Die Quelle unserer täglichen Inspiration muss also das Leben selbst sein. Sie ist immer das Leben selbst! Fühlen wir uns bedrückt, oder warten auf eine ersehnte Zeit, haben wir das Leben
selbst vergessen. Das, was in uns atmet ist unserer Aufmerksamkeit würdig! Alles andere ist nebensächlich.
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Mit herzlichen Grüßen von Down Under
Euer Richard C Rickert
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