Liebe/r
Nachdem ich Indien verlassen durfte, kreisten meine Gedanken oft um dieses merkwürdige Land unserer Welt.
Ursprünglich einmal, Mitte der Siebziger trampte ich per Anhalter dorthin. Warum? Ich habe es wohl unterwegs vergessen. Nein bestimmt, es waren die spirituellen Wurzeln die, der indischen Geschichte entspringend, so dominierend in unseren Westen zu
wuchern schienen. Alles was es übers Leben zu lernen gab, schien zu der Zeit aus Indien zu stammen. Also machte ich mich auf!
Unterwegs aber vergaß ich bereits, warum überhaupt ich diese Richtung gewählt hatte.
Irgendwo in Persien lernte ich damals einen Spanier kennen, der, etwa gleichaltrig wie ich, mit klarem Geist auf das Leben eines buddhistischen Mönches zusteuerte. Wir reisten eine Weile miteinander, bis er sich dann irgendwo am Schwarzen Meer eine Glatze rasieren ließ und
seine Kleidung gegen ein Tuch eintauschte. Selbst praktizierte ich zwar schon Yoga und begab mich hier und da in die klassische Stellung der Meditation, aber das es dabei um die Essenz des Lebens ging war mir wohl noch nicht so deutlich. Ich traf dann alte Bekannte aus Essen, die mit einem VW Bus unterwegs noch Platz hatten mich bis Indien mitzunehmen.
Auf der ganzen Reise gab es einerseits nicht eine Passage die mich mit Eindrücken nicht vollkommen überwältigt hätte, und andererseits war ich
bis über beide Ohren in meine erste Frau Maria verliebt, die gleichzeitig mit ihrer Schwester eine Anhaltertour nach Marokko durchführte.
In Teheran, der heutigen Hauptstadt des Iran bekam ich dann Post. Nicht von Maria, sondern von Renate, einem Mädchen dem ich mein ganzes Herz geschenkt hatte, die aber zu der Zeit nicht weit genug war das zu erwidern.
Irgendwie allein auf weiter Flur traf ich dann Maria, die mich mit einem Augenzwinkern einkassierte, wie also umgehen mit dem
Liebesbrief der Verflossenen!?
Heute sage ich: Gott sei Dank, dass all das nun vorüber ist. Das Alter bringt Reife. Reife bring Ruhe, und Ruhe Klarheit!
Klarheit, worüber?
Es geht um das Leben selbst. Um den Kern, der, die persönliche Geschichte durchdringend immer gegenwärtig bleibt, immer ein zuhause bietet und der Seele eine Heimat.
Und jetzt zum Wesentlichen meiner Erkenntnis:
Traditionell darf ich ja durchaus schon ans Sterben denken. Nicht wahr!? Viele
meines Jahrgangs sind schon vor Jahren gegangen. Oder gegangen worden! Was also ist es, was mich noch hält!?
In der Erkenntnis, dass das Eine – nennt es wie ihr wollt, Gott, Quantenfeld, Energie oder Universum – alles ist, und jede Form der Erscheinung gleichzeitig, hat mich dazu motiviert, einmal tiefer in die Zusammenhänge zu blicken.
Dabei wurde mir klar, dass ohne Euch, ohne meine sozialen Verbindungen, das Leben absolut sinnlos wäre. Tatsächlich bedeutet Leben
Kommunikation.
Die Gegebenheiten dieses Planeten Erde setzen ganz bestimmte Standards voraus. Essen, Kleiden, Behausen, Geschäfte machen oder auch Austauschen. All diese Tätigkeiten sind wie sie sind, damit wir miteinander kommunizieren. Denkt mal, ein Geschäftskontakt zum Beispiel ist dann am erfolgreichsten, wenn die Kommunikation stimmt. Die beteiligten Seiten reflektieren das Leben, nichts anderes!
Wenn es also mein soziales Umfeld nicht gäbe, wäre das Ausscheiden aus
diesem Leben sicher vorzuziehen.
Ich meine, die Seele, die wir tatsächlich sind, das Ich, welches, ohne zu Altern, trotz Persönlichkeitsveränderung und körperlichen Alterns immer das Selbe bleibt, ist auf einer endlosen Reise.
Die tibetischen Buddhisten sagen:
In den Millionen von Leben, die eine menschliche Seele durchwandert, ist der innere Meister, die innere Stimme allzeit darum bemüht die Ignoranz des Menschen zu durchbrechen.
Dann, in einem Leben,
begegnet uns diese innere Stimme, der innere Meister, auf der äußeren Ebene. Das ist die wichtigste Begegnung all dieser Leben!
Mich hat diese Weisheit schon vor vielen Jahren tief beeindruckt. Allein dass eine Kultur dieses Thema so kristallklar anzusprechen wusste fand ich beeindruckend.
Heute lebe ich für mein soziales Umfeld. Für die, die ich sonst noch bin!
Wenn wir in den Himmel blicken, sollten wir uns darüber klar sein, dass es der Raum ist, den wir sehen, der durch
unsere Augen blickt.
Fühlt Euch umarmt und vom Leben geliebt!
Herzlich,
Richard C Rickert