Liebe/r Das Erwachen… Das erste Licht des Morgens schwillt langsam über den bewaldeten Horizont. Der Blick aus dem Fenster, links neben dem Bett, fällt auf einen abfallenden Hügel, der nach rechts von besagtem Wald und dahinter von einer bewaldeten Klippe, mit einem Höhenunterschied von zirka 60 Metern begrenzt ist. Die Anstrengungen meines Körpers vom
Vortag an der Drehscheibe meiner Ex, sind in allen Muskelfasern spürbar, und machen sogar das Wenden im Tiefschlaf zu einer bewusst erlebten Aufgabe. Der Körper will noch nicht, aber der Geist ist schon im Begriff agil zu werden. Mein erster Griff gilt der Brille und dem darunter liegenden Buch: „Die Natur des Bewusstseins“, eine philosophische Abhandlung von Rupert Spira im Original. Die ersten Sätze müssen wiederholt gelesen werden, um eine zunehmende Konzentration
zu bewirken und um den Inhalt der logisch geschriebenen Sätze zu durchdringen. Worte über ein Thema, welches sich, konsequent behandelt, gar nicht in Worte fassen lässt. Eine innere Weite, ein Gefühl der Lebendigkeit jedoch denkt mit, fühlt mit und verschmilzt mit der Erkenntnis, gegenwärtig bewusst zu sein. Noch immer in der unbeweglichen Horizontale, hebe ich, sobald der Fluss des Verstehens eingesetzt hat, die Beine, ziehe die Knie an und schnelle sie vor, um das Gewichts
Momentum zu nutzen in die Senkrechte zu kommen. Dann die Erinnerung: „Liebe, und tue was Du willst!“, eine Aussage St. Augustins, der vor hunderten von Jahren schon das gleiche Leben lebte. Die Routine ist mir wichtig. Sie ist ein Halm, an den ich mein Boot binden kann. Und doch weiß ich, dass es um die Liebe geht. Weder die Disziplin des Yoga, noch die der Meditation, des gewollten „Sitzens“, sind von Bedeutung, solange die Liebe sie auszuführen fehlt. Ich habe gelernt und
weiß, dass es in all meinen Handlungen, allein um die Liebe geht die Handlungen auszuführen. Fehlt diese, kann die beste Intention ihr Ziel leider nicht erreichen. Der persönliche Geist ist die Ursache und bleibt deshalb, sich im Kreise drehend, auch das Ziel. Ich tue es trotzdem, und erreiche vielleicht mein Ziel nicht, dafür aber den am Tag zuvor erreichten, und als solchen empfundenen Fortschritt. Dabei weiß ich, solange mein begrenzter Geist das beurteilt, oblige ich der Illusion meiner
eingeschränkten Weltsicht. Ich schlüpfe also in mein Yogakostüm und zelebriere, so gut ich kann, jede Übung im Atem der Gegenwart. Den Schmerz der Glieder aufzulösen, bewege, dehne und strecke ich mich. Dann die Balanceübungen. Auf einem Bein stehend, bin ich mit dem Zentrum der Erde verbunden, strauchele in meiner Konzentration, fange sie wieder auf und spanne meinen Oberkörper mit nach Vorn gestreckten Armen in die Horizontale. Heute fällt es leicht. Ich bin dort, wo ich mir
wünsche zu sein. Dann ein erstes Arbeiten der Muskulatur. Ich muss meine Unterarm-Muskulatur fühlen können, um mich gesund und stabil wahrzunehmen. All das, um mit meinen neunundsechzig, den erarbeiteten Zustand der Inspiration zu erhalten und zu fördern. Mein tägliches Sitzen – im Zen Buddhismus als: „Zarzen“= Sitzen bezeichnet – reflektiert sich im Auskosten der innerlichen und äußerlichen Vorarbeit. Ich freue mich drauf und liebe es eine Stunde in aufrechter Haltung auf
meiner Sitzbank verbringen zu können. Das Ziel? Es gibt es nicht mehr! Es ist das Sitzen selbst. Ursprünglich wollte ich die Pforten der Wahrnehmung durchdringen, frei von aufoktroyierten Sichtweisen und einstudiertem Verhalten werden. Erleuchtet sein! Den Vorstellungen dessen gerecht werden, dem über was ich mal gelesen hatte. Heute weiß ich, dass es allein um die Wahrnehmung dessen geht, was ist! Was jetzt ist. Was immer ist. Und wo wir schon waren, als es uns
noch nicht gab. Das „Sitzen“ findet also ziellos und in tiefst möglicher Entspannung statt. Alles ein Geschenk. Von wem? Es spielt keine Rolle. Dem Leben selbst. Dem, dessen Geist größer ist, als der Unsere. Die Wahrnehmung: Gedankenlos erweitert sich mein Gehirn, schlägt Wurzeln im Sein, verliert den Bezug zur materiellen Existenz und findet dann, mit ersten Gedanken in die persönliche Zeit zurück. Das Resultat: Eine Leichtigkeit beschwingt mein Sein.
„Happiness“ wird zur Quelle von Handlung und Begegnung, soweit mein, auf dieses Leben beschränkter Geist, es zulassen kann. Kann er es nicht, setzt ein mitunter schmerzvoller Lernprozess ein. Meine Identität ist dann, wiedermal, von Zeit und Raum begrenzt. In dieser, so weiß ich und fühle ich, bin ich begrenzt zu sterben. Wer will das schon!? Erst recht, wenn man die universelle Wirklichkeit des tatsächlichen Lebens einmal kennengelernt hat!?
Eine, an einem der seltenen, bewölkten Tage genommene Aufnahme Richtung Osten. Das verdörrt erscheinende Gras ist eigentlich grün.
Der Blick den Hügel hinauf zeigt mein fahrbares Zuhause, welches immer noch darauf wartet die Reise nach Norden anzutreten.
Die von Menschenhand verursachte "heilige" Wasserfläche, wird hier von der, mit Abendsonne bestrahlten Wolkeninseln gerahmt. Die alles über tönende Stille, wirkt dazu wie eine innere Signatur, welche die Einmaligkeit des Augenblicks amtlich macht.
Und hier, Sohn Bernhard und Enkel im Genuss der kühlenden Flüssigkeit, die Leben zu erzeugen vermag.
"Ich bin", ist die Bezeichnung, die wir der vergänglichen Form des Körpers zu geben glauben, die aber in Wahrheit das bezeichnet, was wir alle sind. Das Erleben des neuen Tag… Eine der Eigenschaften des täglichen Lebens, die wir Deutschen wohl auf eine besondere Weise begriffen haben, ist, dass der Tag nur 24 Stunden hat. Eigentlich
bezieht sich das auf die acht bis zwölf Stunden Tageslicht, denn die wenigsten von uns erkennen im Tiefschlaf ein fundamentales Vorwärtskommen. Wir sind dagegen so auf den „Tagtraum“ fixiert, dass wir den Tiefschlaf sogar als ein notwendiges „Übel“ ansehen. Der tiefe Wunsch nach einem erfüllten Leben, scheint mir der Treibstoff für unsere täglichen Bemühungen zu sein. Dabei verlieren wir den Kern-Wert unseres Lebens, bemerklicher Weise äußerst schnell aus den Augen. Der
Werte Kern ist wohl unumstritten die Liebe! Da diese Wort in sich jedoch für viele von uns ganz bestimmte, oft sentimentale Qualitäten birgt, möchte ich seine Bedeutung hier nochmal im Allgemeinen kurz beschreiben: Liebe ist die Kraft, die wir als solche bezeichnen, wenn Dinge, Wesen oder Zustände zusammenkommen! Als Mensch zum Beispiel umarmen wir einen anderen, um unserer Zuneigung, unserer Liebe zu ihr/ihm Ausdruck zu verleihen. Auf Pflanzlicher Ebene treibt die Erde die Pflanze
aus dem Erdreich hervor, während die Pflanze sich an dieses klammert, und einen Großteil ihrer Lebenskraft aus ihr erhält. Die Erde selbst wir von der Sonne in ihrer Umlaufbahn gehalten. Wir bezeichnen das spezifisch als Gravitation und doch birgt diese gleichzeitig auch dieselben Qualitäten wie die Liebe, und entspricht der gleichen Kraft. Worauf ich hinaus will, ist die Erkenntnis, dass es sich bei all diesen, scheinbar so unterschiedlichen Kräften um die Gleiche Quelle der
Ursache handelt. Um die Liebe! Vergessen wir diese, sind wir sogleich bemüht unser Bedürfnis danach aus anderen Quellen zu stillen. Zum Beispiel durch das Mit- bzw Nacherleben einer Geschichte durch Film oder Buch. Oder auch das Gefühl der Sättigung, welches wir durch übermäßiges Essen und Trinken verursachen. Sicherheit durch Reichtum, sind weitere Beispiele, das intuitive Bedürfnis nach Liebe zu stillen. Der Widerspruch darin: Je reicher wir sind, desto mehr Angst scheinen
wir zu entwickeln diesen Reichtum, diese Sicherheit wieder zu verlieren. Angst wirkt wie das Gegenteil von Liebe und Vertrauen.
Genug der Philosophie! Ich hatte mich also, verursacht durch meine selbstgewählte Lebensform, mit verstärktem Alleinsein abzufinden. Natürlich lassen erlernte Verhaltensmuster, wie die Angewohnheit kontinuierlich zu denken, um die Selbstreflektion der, ach so sehr geliebten, eigenen Persönlichkeit zu sichern, nicht so ohne Weiteres abschalten. Ist
man erstmal allein, dann fallen diese Denkmuster zunächst mal so richtig ins Gewicht. Das entsprechende Verhalten lässt dann auch nicht mehr lange auf sich warten. Lesen, Filme anschauen, Ablenkung im Allgemeinen will zunächst ausgeführt, um später dann entblöst werden zu können. Dabei geht es bei dem Bedürfnis geliebt zu werden, durchaus um die Fähigkeit, die Gegenwart der Zusammenhänge auszumachen. - Wir können nicht ohne Luft!
Über den Atem sind wir mit der gesamten Atmosphäre der Erde verbunden.
- Wir können nicht ohne Wasser. Durch seine Aufnahme sind wir mit dem gesamten Wasserkreislauf der Erde verbunden.
- Und mindestens genauso wichtig; wir können nicht ohne Erfahrung. Alles was wir als
Leben bezeichnen, baut auf dem Umstand, dass wir es erfahren, und darüber wissen, dass wir es erfahren.
Je größer der Abstand zu dieser scheinbar geringfügigen Wirklichkeit, desto mehr ihres Wertes können wir erfassen. Alles beruht auf der grundlegenden Fähigkeit die Welt und damit unser Leben zu erfahren. Diese bewusst gemachte Erfahrung ist es, die uns mit allem verbindet. In ihr liegt, ihrer Natur entsprechend, auch die zentrale Erfahrung der Liebe. Darin
liegt der Grund für die religiöse Aussage: „Gott ist Liebe“! Wir sind also tatsächlich nie allein, denn sogar das Alleinsein muss erfahren und damit erkannt werden. Über die Erfahrung selbst – soweit sie uns bewusst ist – können wir die zum glücklichen Leben benötigte Liebe beziehen, weil die Erfahrung uns mit dem verbindet, was weiß, dem Bewusstsein, welches allein das ist, was alles hervorbringt!
Ob es nun die Erfahrung einer Umarmung ist, oder die einer Depression, obwohl sie,
auf persönlicher Ebene (Körper, Leben, begrenzter Geist, Tod) unterschiedlicher nicht sein könnten, sind doch beide Ereignisse an die Wahrnehmung durch Erfahrung gebunden. Beide Zustände sind nur über die gemachte Erfahrung wahrnehmbar und verbinden uns dadurch immer mit dem, was diese Erfahrung macht. Genau das ist das Ausschlaggebende! Es ist die Kraft, die alles hervorbringt, durch die alles wahrgenommen wird, und die alles ist. Wir sind also immer, selbst in der
größten Isolation, mit allem verbunden und haben dadurch immer Zugang zur intensivsten Erfahrung von Liebe! Herzlich, Euer Richard C Rickert
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