Liebe/r
Was es bedeutet…
Zurückgezogenheit bewirkt Konfrontation in der Begegnung mit anderen.
Meine Philosophie das Eine in Allem erkennen zu wollen zeigt hier ihre Schwäche. Sich selbst zu mögen und die Zeit mit sich allein zu genießen ist sicher eine Stärke und durchaus erstrebenswert, dennoch sollte man sich daran binden, Gewogenheit und Freundlichkeit
mit allem zu üben, damit diese nicht ins Wanken gerät, wenn eine Begegnung mit anderen Menschen, Unvorhergesehenes erfordert.
So erging es mir kurz nach der Ankunft in der – in diesen Zeiten der Sommerferien – sehr vom Tourismus frequentierten Töpferei.
Ein, seit langen Jahren, sporadischer Mitarbeiter, zu dem ich zuvor ein sehr ausgewogenes, freundliches Verhältnis kannte, schien mir meine Anwesenheit nicht durch ein „Hallo“, oder „Guten Morgen“ zu
reflektieren.
Ich trug ohnehin schon den Eindruck mit mir am „falschen Ort“ für zu lange Zeit gewesen zu sein, so machte ich ihn darauf aufmerksam.
In Reaktion auf mein Bedürfnis von ihm erkannt zu werden, stellte er was er bei sich trug ab, machte einen barocken Knicks und wirbelte, sich vor mir verneigend, seine Rechte durch die Luft, verdeutlichend, das mein Anspruch, von einer jüngeren Person begrüßt zu werden aus der Vergangenheit zu reichen schien.
Meine Reaktion
darauf ist hier der Stein des Anstoßes.
Ich erhob wütend meinen Mittelfinger und betitelte ihn entsprechend.
Das ist alles andere als das, was ich als gut und förderlich bezeichnen würde. In meiner Schwäche als Mensch jedoch, darf ich berücksichtigen, wie es zu dieser Wut kam.
Nach wiederholten Missachtungen meiner Gegenwart als „Schöpfer“ des Ortes, an dem inzwischen so viele genießen zu sein, fiel mir eine Zeitung für Rentner in die Hände. In dieser, ein langatmiger
Artikel über den Stellenwert der „Alten“ in der heutigen, westlichen Gesellschaft.
Dort hieß es:
Menschen über 50 werden von der heranwachsenden Bevölkerung beflissentlich ausgeblendet, als hätten sie keinen Stellenwert im gesellschaftlichen Gefüge. Extreme Beispiele zeigten auf, dass Menschen in höherem Alter sogar ganz aus dem Netzwerk der Beachtung fallen.
So wurde eine alte Dame im Rollstuhl in eine Apotheke gefahren, um einige Medikamente zu besorgen. Der junge
Apotheker richtete sich wiederholt starrköpfig an die Pflegerin und missachtete alle Versuche der alten Dame ihm zu verdeutlichen, dass sie es war, die hier einen Einkauf zu tätigen hatte.
Von diesen Neuigkeiten aus der Welt, wurden meine eigenen Erfahrungen zum roten Tuch. Ich flippte aus!
Mich nach dem Vorfall spontan zurückziehend, kündigte ich meine sofortige Abreise an!
Zwei meiner Kinder meldeten sich dann bei mir im Wohnwagen und beschwichtigten mich eines Besseren. Nun
bleibe ich für weitere drei Wochen um die, im Eifer des Gefechtes übersehene, Geburt meines siebten Enkelkindes nicht zu verpassen.
Sicher ist dieser Ausschnitt aus meinem täglichen Leben nicht unbedingt etwas, was mich in ein förderliches Licht bei Euch setzt. Die damit einhergehende, schmerzvolle Energie jedoch, ist nichts, ja rein gar nichts, im Vergleich zu dem, wozu der Mensch, in Bedrohung seines körperlichen Lebens fähig ist.
So lese ich gerade einen
Augenzeugenbericht über die unmittelbare Vergangenheit des deutschen Volkes im zwanzigsten Jahrhundert. Dieser passt nicht nur wie maßgeschneidert auf die meines Elternhauses, sondern stellt das Ausmaß der Identität mit „Fleisch und Blut“ dar wie kaum ein anderer.
Der Titel: „Meine Großmutter packt aus“ von Irene Dische