Liebe/r
Australien aus der Bodenperspektive
Hier waren wir also, sieben Kilometer vom nächsten Nachbarn und über dreißig Kilometer vom nächsten Ort. Deutsche Immigranten, die sich zwar in einem ähnlichen Wirtschaftssystem wiederfanden, aber der australischen Kultur, sprich Sprache und Umgangsformen, zwar nicht fremd, aber doch neu gegenüber fanden.
Um unsere Farm, mit all
ihren angehenden Bauprojekten auszurüsten, besuchten wir sogenannte „Clearing Sales“. Das sind Auktionen, welche direkt auf der zu versteigernden Farm veranstaltet werden. Meist sind dort die größeren Angebote, wie Maschinen und Zubehör, in Reihen aufgestellt, an denen der Auktionator mit der Gruppe der Bietenden im Schlepptau vorbeizieht und diese dann mit schauspielerischen Fähigkeiten möglichst interessant anbietet. Da springt dann das Gebot von einem zum anderen Bieter und endet mit dem, der
bereit war am meisten dafür zu bezahlen. Fast unserer gesamte Ausrüstung fand so ihren Weg auf unser Land. Wir gehörten, schon damals deutlich sichtbar, zu der Generation von Unternehmern, die wissen mussten, wie man aus Gebraucht Neu macht und zwar so, dass es lange hält und gleichzeitig, zumindest optisch aus der Norm fällt.
Im Zentrum einer jeden Auktion stand ein LKW auf dessen Ladefläche Kleinutensilien wie Werkzeuge und Zubehör angeboten wurden. Anfang der achtziger Jahre waren
wir oft die Einzigen die auf solche Dinge ein Angebot machten und bekamen deshalb Vieles sehr, sehr günstig. Ich weiß noch wie ich eine Leiter für weniger als 10 Euro ersteigerte, woraufhin der ehemalige Besitzer mich in Kenntnis setzte, dass ich einen „Bargain“ (ein Schnäppchen) gemacht hätte. Unerfahren und – wissend fragte ich ihn: „Was ein Bargain sei?“ Er schaute mich verblüfft an und schüttelte den Kopf.
Einmal fuhren wir weit hinaus in die große Ebene, um einen Clearing Sale zu
besuchen.
Dort draußen, wo kaum ein Baum wächst und nichts als harte Farmarbeit sichtbar ist, so weit das Auge reicht, fanden wir einen Farmer sein Hab und Gut veräußernt. Er stand auf der Ladefläche seines LKWs in weicher, rosafarbener Cashmir-Wolljacke, mit geschminktem Gesicht und gedrehten Locken. Es war offensichtlich, dass es sich um einen Mann handelte. Die bietenden Nachbarn, von denen sich keiner das „Spektakel“ dieser Farm Auflösung entgehen lassen wollte, schaute mit großen
Augen dieser Auktion zu. Der anbietende Farmer hatte sich kurz vorher operativ in eine Frau verwandeln lassen und stand nun auf seiner Ladefläche um mit Präsenz und lauter Stimme seine Werkzeuge anzubieten.
Ich war einfach nur sprachlos über seinen Mut sich so zu zeigen wie er sein wollte!
Vor einem Jahr etwa, mit meiner Ankunft hier im Ort dann, lernte ich einen Mann kennen, der auch dort draußen eine Farm bewirtschaftet. Wir teilten das Erlebnis von damals und er gab zum Besten,
dass der transvestite Farmer von damals, in der gleichen Gegend wieder eine Farm gekauft hatte und nun wieder dort lebte.
Ich denke, dass gelebte Toleranz wohl das ist, was die Australier am deutlichsten von vielen Westlern unterscheidet. Religionsfreiheit!? Keine Frage. Im kleinen Ort Coonabarabran gibt es fünf Kirchen und keine stellt sich als besser dar als die andere.
So geht es mir als eingebürgerter Australier. Sucht man nach ihnen, fällt der Blick irgendwann auf ein
buntes Völkchen mit lachenden Gesichtern. Man fühlt sich angenommen!